Interview

„Biodiversität auf den Acker bringen“

Der Wildbiologie Daniel Hoffmann berät den Gutsbetrieb Wilfersdorf in Sachen Artenvielfalt. Beetle-Banken haben sich als höchst effizient erwiesen.

Warum ist Biodiversität für die Landwirtschaft wichtig?

Hoffmann: Artenvielfalt ist ein Garant dafür, dass Ökosysteme gut funktionieren. Wenn wir Nahrungsmittel auf unseren Äckern anbauen, dann nutzen wir die Funktionalität dieser Ökosysteme. Und dazu gehören Insekten, Vögel und Säugetiere.

Wie merken die Landwirte, dass die Biodiversität abnimmt?

Hoffmann: Zum Beispiel daran, dass Schädlinge zunehmen und Nützlinge aus dem Ökosystem verschwinden. Das ist nicht naturgegeben, bringt aber unsere Nutzpflanzen in Gefahr. Das kann gerade in Monokulturen zu Missernten führen. Und deshalb müssen wir gegensteuern.

Können wir das?

Hoffmann: Ja, es gibt viele unterschiedliche Arten. Eine davon wäre, auf den Ackerflächen Beetle-Banks und Blühstreifen anzulegen. Ein bis drei Prozent Ackerflächen reichen aus, um die Biodiversität zurückzubringen.

Was ist eine Beetle-Bank?

Hoffmann: Eine Käfer-Böschung, auch Insektenwall genannt. Das haben englische Biologen in den 1980er-Jahren entwickelt und endlich werden sie auch am europäischen Kontinent entdeckt. Es sind nicht bewirtschaftete Streifen, auf denen weder Traktor noch andere Maschinen fahren. So etwas registrieren Insekten, Vögel und andere Tiere sehr schnell als Ruhe- und Rückzugsort – und besiedeln sie.

Wie sehen Käfer-Böschungen aus?

Hoffmann: Beetle-Banks sind hügel- und wallähnliche Areale, die für Insekten und Kleinlebewesen perfekte Lebensbedingungen bieten. Sie sind trocken und bieten stets auch windberuhigte Seiten, zwei wichtige Kriterien für staatenbildende Insekten wie Ameisen und einige Wildbienenarten. Aber auch viele Laufkäfer können sich dort fortpflanzen. Laufkäfer sind Raubinsekten, die andere Insekten fressen, zum Beispiel Blattläuse. Davon profitieren dann wieder die Landwirtschaft und die Vögel.

Warum Vögel?

Hoffmann: Weil Laufkäfer und die Puppen von Ameisen für Vögel Proteinbomben sind, und sie diese Proteinbomben für die Fortpflanzung und Ernährung ihrer Küken brauchen. Alles ist mit allem verbunden. Aber es gibt auch viele andere Käferarten, Wildbienen und Ameisen, die in diesen Beetle-Banks einen Lebensraum finden. Bienen braucht die Landwirtschaft für die Bestäubung von Pflanzen. Ein weiterer Grund, sie auf den Flächen haben zu wollen.

Wo macht es Sinn?

Hoffmann: Überall innerhalb und zwischen den Äckern. Beetle-Banks sollten nicht parallel und entlang von Wegen, sondern möglichst quer dazu angelegt werden und gerne auch in der Nähe von Blühstreifen und Hecken. Ein Vorgewände kann bleiben, so dass es für die Landwirtschaft praktikabel bleibt.

Inwiefern ist die Nähe zu Hecken oder Blühstreifen wichtig?

Hoffmann: Wir haben herausgefunden, dass viele Solitärbienen der Wildbienenarten in den trockenen Halmen der Blühstreifen überwintern. Wichtig ist, dass diese Gräser nicht geschnitten oder gemulcht werden. Das ist bei Hecken und Blühstreifen der Fall und bietet deshalb gute Überlebensbedingungen. Das ist umso wichtiger, weil es in Deutschland und Österreich sehr traurig in der Wildbienen-Fauna aussieht. Die Häufigkeit der Arten ist in den letzten 25 Jahren sicher um 50 Prozent zurückgegangen, lokal sind einige Arten sogar vollkommen verschwunden. Beetle-Banks sind bei richtiger Anlage, Einsaat und Platzierung eine Maßnahme, die Artenvielfalt zurück in die Kulturlandschaft zu bringen.

Fast die Hälfte aller Arten ist verschwunden, das ist ein Artenverlust von 50 Prozent.

Sie haben am Gutsbetrieb Wilfersdorf Beetle-Banks angelegt. Was ist ihre Erfahrung?

Hoffmann: Dass sie gut funktionieren. Wir begleiten das Projekt wissenschaftlich und ich komme regelmäßig, um die Entwicklungen zu dokumentieren. Jetzt im Herbst steht eine Hasenzählung an. Wir verzeichnen einen Anstieg von 20 bis 30 Prozent nach drei Jahren, denn diese Hecken und beruhigten Zonen sind zentrale Elemente ihres Streifgebietes geworden. Auch die Rebhuhn-Population ist in etwa im selben Ausmaß gewachsen und hat sich in weitere Gebiete ausgebreitet. Auf den Beetle-Banks bringen sogar Rehe ihre Kitze zur Welt. Und es siedeln sich Vögel, vor allem Bodenbrüter an. So ist die Population von Feldlerchen um 50 Prozent angestiegen und die Braunkehlchen, die in den letzten 30 Jahren so gut wie verschwunden waren, kommen zurück. Beetle-Banks sind also für die gesamte Fauna sehr positiv.

Was hält Landwirte davon ab, Beetle-Banks und Blühstreifen zu etablieren?

Hoffmann: Das hat bürokratische Gründe. Ackerland und Grünflächen werden behördlich unterschiedlich bewertet. Nutzflächen sind mehr wert. Viele Landwirte fürchten, dass Blühstreifen nach fünf Jahren von den Behörden als Dauergrünland umgewidmet werden könnte und gehen das Risiko nicht ein. Eine Vereinfachung der Meldung solcher Flächen wäre ebenfalls hilfreich und würde Bürokratie abbauen. Solche Regularien sind Teil der Biodiversitätskrise, es wäre wichtig neue Prioritäten zu setzen.

Zur Person

Daniel Hoffmann ist Wildbiologe und Biogeograf und Geschäftsführer des Naturschutzvereins Game Conservancy Deutschland. Er berät seit drei Jahren den Gutsbetrieb Wilfersdorf.

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